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Antenne - Editorial:
Was bringt uns die neue Zählweise?

(von NVV-Vizepräsident Uwe Warnecke, aus Antenne 1/99)


Wem ergeht es in diesen Wochen nicht auch so? Beim Betrachten eines spannenden Volleyballspiels kommt Wehmut auf - Wehmut deshalb, weil niemand so richtig einschätzen kann, was denn ab der kommenden Saison sein wird. Jeder Ballwechsel wird einen Punkt bringen, so wie wir es vom Tie-Break kennen. Schwer vorstellbar, daß es dann noch diese unsagbar nervenaufreibenden Aufholjagden geben wird, wie wir sie fast alle schon einmal erlebt haben. Wer würde nicht von Erinnerungen zehren an Spiele, die eigentlich schon verloren waren, in denen niemand mehr auf die aussichtslos im Rückstand liegende Mannschaft gesetzt hätte. 0:2 nach Sätzen und 4:14 - auch ich gehöre zu den Glücklichen, die in einem Team standen, das so eine Partie noch umgebogen hat. Man wird es nie vergessen.

Gut, das “Rally-Point-System”, das uns Herr Acosta und seine Claqueure der FIVB beschert haben, bietet rein theoretisch nach wie vor die Möglichkeit, auch solche Rückstände aufzuholen. Aber in der Praxis?

Demgegenüber stehen die positiven Aspekte, die durchaus von Befürwortern berechtigterweise ins Feld geführt werden. Schneller wird das Spiel, damit für die Medien kalkulierbarer. Und das gilt auch im mittleren Leistungsbereich, wo sich zumindest die örtliche Presse durchaus schon einmal dem Volleyball widmet. Andererseits dürfte manches Spiel dann viel zu schnell vorüber sein. Wir könnten ja einmal Wetten darauf annehmen, wie lange das kürzeste Spiel in der kommenden Saison dauern wird? Aber zurück zu den positiven Aspekten: Einfacher für Zuschauer und Einsteiger wird Volleyball allemal: Ballwechsel für Ballwechsel gibt’s einen Punkt. Egal, wer aufgeschlagen hat.

Warum ich hier nur über die neue Zählweise schreibe? Weil sicherlich 99 von 100 Kritikern der neuen Regeln daran Anstoß nehmen. Und nicht selten aus diesem schlechten Gefühl heraus auch alle anderen Änderungen kritisieren. Das wäre sonst nie der Fall gewesen. Selbst das Debakel mit der Freigabe so ziemlich jeder Art von Berührung beim ersten Kontakt haben wir Volleyballer in der Mehrzahl weitgehend klaglos hingenommen. Im Gegenteil: Mittlerweile wird dem Nachwuchs sogar beigebracht, den ersten Ball irgendwie Richtung Zuspieler zu befördern. Und das tut beim Zuschauen nach wie vor weh!

Doch was ist zu tun? Das Präsidium des NVV hat bekanntlich die Übernahme der neuen Regelung auf den Beginn der kommenden Saison verschoben. Das war zwingend notwendig, um überhaupt die notwendigsten Schulungen und Informationsveranstaltungen gewährleisten zu können.

Es gibt sogar Stimmen, die fordern, auf die neuen Regeln gänzlich zu verzichten. Eine auf den ersten Blick verlockende Idee für jemanden, der seit mehr als 25 Jahren Volleyball spielt und sich eigentlich mit den aktuellen Veränderungen nicht so richtig identifizieren kann. Aber was wäre die Folge? Wir würden hier in Niedersachsen einen Inselstatus haben. Bei Turnieren selbst in Nachbar-Bundesländern würden wir mit einmal mit anderen Regeln konfrontiert. Gleiches würde für Jugendliche und Senioren bei Meisterschaften auf überregionaler Ebene gelten. Selbst im eigenen Verein müßte ständig nach zweierlei Regelwerk trainiert und gespielt werden. Stellen wir uns einmal die Zuschauer in Emlichheim vor: Eben noch Bundesliga nach Rally-Point-System, dann Oberliga nach alter Zählweise. Irgendwie dämlich?

Und was ist mit den Jugendlichen, die wir für unsere Sportart neu gewinnen? Wollen wir denen alte Regeln beibringen? Selbst in den Schulen würden sie sicherlich anders instruiert werden. Und wenn dann irgendwann einmal wieder Volleyball im Fernsehen gezeigt wird, dann hat das Spiel dort nichts zu tun mit dem, was unser Nachwuchs betreibt? Das kann keine Lösung sein!

Nein, ein eigener Weg in diesem Regel-Wirrwarr würde dem Volleyball auch nichts bringen. Vielleicht denen, die nur noch ein paar Jahre ihrer alten Leidenschaft frönen wollen. Aber das wäre viel zu egoistisch.

Wenn überhaupt, dann macht höchstens eine bundesweit einheitliche Lösung Sinn. Wobei auch die an der Schnittstelle zu den internationalen Wettbewerben Probleme brächte. Eigentlich, ja eigentlich würde nur der Aufstand bei der FIVB helfen. Aber dafür sind wir Deutschen wohl ein viel zu kleines Licht im internationalen Volleyball-Zirkus.

Ob der DVV mehrheitlich einen eigenen Weg gehen könnte? Schwer zu sagen. Jedenfalls dürfte dies nicht zu weiteren öffentlichen Debatten führen. Von derartigen schädlichen Schlagzeilen mußten wir im Vorjahr genug einstecken. Aber man könne es ja ‘mal versuchen.

Ansonsten beißen wir wohl doch besser in den sauren Apfel - und machen für den Nachwuchs das Beste daraus.


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